Ist es an der Zeit für eine eigene Wohnung? Diese Frage geistert durch den Kopf, wenn der Mitbewohner nervt, die Mitbewohnerin gefühlt zum dritten Mal im Monat Geburtstag feiert und die Lieblingstasse wieder nicht aufzufinden ist. Vom Miteinander in die Einsamkeit? Schwierige Entscheidung.

„Ich fühle mich zu alt für sowas“

Fast jeder hat sie durchlebt und genossen: die WG-Zeit. Die wohl gängigste Möglichkeit, Kosten und Verantwortung nach dem Auszug aus dem elterlichen Haushalt zu teilen und in neue Bekanntenkreise einzusteigen. Das Zusammenleben ergibt sich aus gemeinsamen Interessen, Studienrichtungen oder Berufen. Schwierig wird es, wenn sich aus unterschiedlichen Lebensrhythmen unüberbrückbare Differenzen ergeben. Geschlossene Türen, Kommunikation über Post-Its, frostige Stille.

Jeder entwickelt im Laufe seines Reifungsprozesses eigene Lebensrhythmen und eine spezifische Vorstellung von Lebensführung. Dass diese von anderen abweicht, ist nur normal. Gerade nach Zäsuren im Leben (Beziehung, Beruf, neue Erkenntnisse) unterliegt die eigene Person oft einem Wandel, zu dem andere Konstanten plötzlich nicht mehr passen. Das Gefühl „Ich fühle mich zu alt für sowas“ macht sich breit.

Indikator: WG-Hopping

Gerade hängt das letzte Bild an der Wand, da hält man es mit den Mitbewohnern schon nicht mehr aus. Zu viel dies, zu wenig das. In Gesprächen mit Freunden macht man dem eigenen Ärger richtig Luft und findet immer mehr nervige Details. „Ich glaube, ich such mir eine neue Wohnung!“ Dann das Kennenlerngespräch mit der neuen WG, der Umzug, eigentlich alle ganz nett und nach wenigen Wochen geht der Stress von vorne los.

Der Gedanke mag ungemütlich, aber hilfreich sein: womöglich liegt es nicht an den anderen, sondern an mir. Bin ich überhaupt noch WG-kompatibel?

Am deutlichsten fällt der Wunsch nach den eigenen vier Wänden auf, wenn in der WG eine Zeit lang sturmfrei ist. Dies ist gleichzeitig eine gute Testphase. Plötzlich gibt es abends keine Gespräche mehr am Küchentisch, aus den Zimmern dringt Stille, die Wohnung nimmt die eigenen, persönlichen Strukturen an. Nichts wird weggeräumt oder hinzugefügt. Während die einen das monotone Tropfen des Wasserhahns dazu bringt, sich in lange Telefonate mit Freunden zu stürzen, atmen die anderen durch: endlich alleine.

Auszug ins neue Leben

Die Entscheidung für eine eigene Wohnung hängt von einigen Faktoren ab. Alleine wohnen bedeutet, alle Kosten von der Kaution über die Bürgschaft bis zu regelmäßigen Zahlungen wie GEZ, Abgaben für Hausdienste und anfallende Reparaturen zu zahlen. Eigene Möbel und Geräte müssen angeschafft, der Umzug organisiert werden und im Urlaub gießt kein Mitbewohner die Pflanzen oder leert den Briefkasten. Nach einem langen Tag wartet der leere Kühlschrank oder der Goldfisch.

Das klingt nicht abschreckend? Dann hast du wahrscheinlich den inneren Entschluss schon gefasst. Besuch nach Lust und Laune, 100%ige Entscheidungsgewalt bei der Inneneinrichtung und Putz-Sessions zur trashigen Lieblingsmukke? Alleinewohnen kann sich durchaus als Paradies auf Erden anfühlen.

Allein, nicht einsam

Alleinewohnen ist mit Klischees belegt. Der einsame Singlemann zwischen Pizzakartons, die ewige Jungfer mit drei Katzen. Das ist Quatsch. Manche Typen sind einfach für das Alleinsein gemacht und können sich erst dadurch richtig entfalten. Menschen, die alleine wohnen, halten sich bewiesenermaßen mehr außerhalb der Wohnung auf, um soziale Kontakte zu pflegen.

Eine eigene Wohnung ist der Inbegriff von Unabhängigkeit und Eigenverantwortung. Manche wagen ihn direkt nach dem Hotel Mama, andere gehen ihn über den Umweg WG. Fakt ist, dass die eigene Wohnung finanziell schwerer ins Gewicht fällt, aber unersetzliche Freiheiten bietet.